Eine neue Ära beginnt: Johannes Fritsch wird Cheftrainer bei Stern 1900

Veröffentlicht: 16. Mai 2020 in Interviews
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Willkommen Johannes, wir freuen uns sehr dich seit März bei uns begrüßen zu dürfen und dir das Zepter zu überreichen. Wie geht’s dir jetzt, was sind deine ersten Gedanken mit dem Stern auf der Brust?

“Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass man unbedingt mit mir zusammenarbeiten möchte. Als Paul Schramm mich der Mannschaft als Koryphäe vorstellte, war ich zugegebenermaßen etwas verlegen. Diese Rolle muss einer erst einmal erfüllen können. Die geschlossene Mannschaft war und ist eine zusätzliche Motivation für mich diesem Posten gerecht zu werden.”

Ja Paul ist immer ein Freund großer Worte, unser Vertrauen liegt aber voll und ganz bei dir. Wie ist es denn dazu gekommen, dass du jetzt vor mir stehst, wie bist du auf diese Gelegenheit aufmerksam geworden?

“Gewissermaßen zufällig: Seit letzter Saison hatte ich guten Kontakt zu unserer Teammanagerin Saskia Steiger. So kamen wir dann auch auf diesen Posten zu sprechen.”

Vitamin B also und der richtige Riecher von Sassi, wunderbar. Wenn wir noch deutlich mehr in die Vergangenheit blicken. Wer hat dich denn an das Fußballleder geführt?

„Das verdanke ich meinem Onkel. Als ich vier oder fünf war haben wir in einem Kölner Stadtpark mit ein paar Jungs, unwesentlich älter, gekickt, die hatten direkt am selben Tag noch ein Spiel. Da habe ich natürlich zugeschaut und war begeistert. Den zweiten Teil hat mein Vater durch die vielen TV Spiele beigetragen. Den Frauenfußball hat mir auch meine Mutter näher gebracht. Je nach Spielkultur gucke ich einer Mannschaft mal lieber, mal weniger lieber zu. Mein Onkel hat aber früh dafür gesorgt dass die Seele immer ein Stück Schalke 04 folgt. Seit ich Trainer bin, bin ich mehr Fußballästhet.“

Guter Punkt, jetzt stehst du an der Linie, wie ist es dazu gekommen?

„Ein Freund hat mich nach dem Abi gefragt, ob ich Lust hätte ein paar Mädchen zu trainieren. Da dachte ich mir, wenn ich jetzt nach dem Abi Zeit habe ist es doch nur richtig etwas soziales zurückzugeben. Niemals hätte ich da gedacht, dass das mal meine berufliche Zukunft beeinflussen würde. – Für Taktik im Fußball habe ich mich schon immer interessiert: Insbesondere mit Johan Cruyff, Norbert Elgert und Christian Streich habe ich mich intensiv beschäftigt. Da ich aus vielen Sportarten komme fasziniert mich auch die Parallelen und Unterschiede und ich schätze zudem den Frauenfußball, weil in der Führung mehr Empathie und Kommunikation gefordert sind und Frauen darüber hinaus authentisch aus Leidenschaft und mit hoher Nettospielzeit (wenig Schwalben) spielen.“

Wenn du in die Vergangenheit schaust, worauf bist du besonders stolz? Ist es eher das selber spielen oder deine Erfolge als Trainer?

„Erfolg ist was bleibt. Irgendwo habe ich die Pokale und Medaillen auch noch stehen (lacht). Was ich allerdings ganz genau weiß, ist wo die persönlichen Geschenke stehen. Die Erinnerungen die ich damit verbinde sind das Schönste. Einen großen Erfolg sehe ich darin, dass ich mittlerweile den Weg von über 20 U-Nationalspielerinnen begleiten durfte, einige die sogar mit mir den Sprung in die Kader geschafft haben. Sophia Kleinherne, die erste ehemalige Spielerin die ich begleiten durfte, hat nun den Sprung in die Frauen-Nationalmannschaft geschafft hat. Zu vielen Spielerinnen habe ich noch Kontakt, selbst Spielerinnen bei Bayern München melden sich noch um Trainingspläne oder Übungen für die Vorbereitung zu bekommen. Das ist der wahre Erfolg – Menschen zu haben die das eigene Leben bereichern und der Dank wenn man anderen helfen kann.“

In der Tat eine Vita die sich lesen lässt. Nun stehst du also in gelb-blau vor uns, was macht Stern für dich aus?

“Dieses Das Vereinsleben ist einzigartig: Egal wann man herkommt, es ist immer etwas los, alle kennen sich. Gar nicht so leicht sich da am Anfang rein zu finden, wenn man auch noch von allen so herzlich begrüßt wird. Ich höre häufig, dass im Amateurfußball vom Aussterben der Vereinsheimkultur gesprochen wird, hier nicht. In Steglitz scheint der Anlaufpunkt für Jung und Alt der Sterner, sowie die Sternstunde zu sein und das auch rund um die Uhr (lachend).“

Ja man muss schon sagen das Motto vom Verein „einmal Sterner immer sterner“ wird auch außerhalb des Platzes gelebt. Wenn wir schon bei Platz sind, was geht dir bei deiner neuen Aufgabe durch den Kopf?

„Mein persönliches Ziel ist der bestmögliche Trainer für das Team zu sein. Dazu nutze ich sowohl mein Fussballverständnis, Taktik als auch Empathie. Eine Stärke ist sicherlich auch meine Kritikfähigkeit: Ich fordere Kritik sogar aktiv ein. Nur so bin ich als Trainer immer besser geworden und kann mich weiterentwickeln. Außerdem möchte ich mündige Spielerinnen haben. Mit Geduld und Kommunikation können wir alles schaffen.“

Apropo schaffen, Stern steht ja in der Rückrunde vor großen Herausforderungen mit einem kleinen Kader, vielen Verletzungen und keinem großen Puffer von den Abstiegsrängen. Worauf fokussierst du dich aktuell?

„Ich will das Team nicht zu sehr überfordern. Bei den Mannschaften die ich zuletzt trainiert habe, haben wir vier bis sieben Mal die Woche trainiert. Hier ist die Herausforderung Geduld zu haben. Die Corona Umstände bringen uns jetzt etwas Zeit und ich versuche die Möglichkeit in Kleingruppen zu trainieren positiv zu sehen.“

Du trittst eine Nachfolge mit 7,5 Jahren Erfolgsgeschichte an, wie gehst du mit dieser Ehre und auch Herausforderung um?

„Ich habe Harald letztes Jahr als sympathischsten Kollegen in der Liga kennengelernt. Beeindruckend objektiv, sachlich und freundlich. Er hat mir auch einen Eindruck über die Mannschaft vermittelt, der für meine Entscheidung nicht zuletzt ausschlaggebend war. Ich bin jetzt seit knapp zehn Jahren Trainer. Wenn man bedenkt, dass er hier fast so lange tätig gewesen ist, gehören seine Schuhe, insbesondere in Anbetracht seiner Leistungen, defintiv an die Wand im Vereinsheim. Ich werde mir aber meine eigenen anziehen – bei Schuhgröße 48 auch besser so.“

Wo unterscheidet ihr beide euch – neben der Schuhgröße offensichtlich?

„Schwieriger Vergleich. Harald hat in der höchsten österreichischen Liga gespielt und verfügt über viel Lebenserfahrung. Ich bin als junger Trainer von der Bundesliga bis in die Kreisliga in jeder Instanz unterwegs gewesen und von den der D bis zu den Seniorinnen in jeder Altersklasse. Das sind aber nur Fakten – so wie ich ihn kennengelernt habe, haben wir viel gemeinsam, besonders eines: Die Leidenschaft für den Fußball, unsere Spielerinnen und das Team.“

Und was erwartet das Team jetzt als erstes?

„Das mussten die Damen auch schon lernen: Meine Philosophie ist, dass das Team von der Spielidee überzeugt sein muss. Das Spielsystem muss auf die individuellen und mannschaftlichen Stärken zugeschnitten werden. Das ist der schnellste Weg zum Erfolg. Umso wichtiger ist das erste Ziel: Die Spielerinnen menschlich wie sportlich kennenzulernen. Der Anspruch an mich ist, dass ich immer erklären kann warum wir etwas tun. Ein erster Erfolg ist immer die Spielerinnen glücklich zu sehen.“

Das ist eine gute Marschroute und sieht man den Sternern beim Training auch schon an. Wie sieht mit deiner individuellen Taktik aus? Hast du da schon was geplant?

„Man muss zwischen Taktik und meiner Strategie unterscheiden. Bei Taktik handelt es sich um alle organisierten Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Spielziele situationsbedingt zu erreichen.

Der Taktiker muss wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt.

Dementsprechend würde ich von UNSERER Taktik sprechen. Der Stratege muss wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt.

Sprechen wir von meiner Herangehensweise, dass das Team die Taktik prägt, wäre das meine Strategie.“

Einleuchtend, wie sieht das dann im konkreten aus, worauf fokussierst du dich sobald der normale Trainingsbetrieb wieder möglich ist?

„Die Mannschaft hat mir schon kommuniziert wo sie selbst am meisten Bedarf sieht, das fand ich sehr gut: Priorität haben derzeit Taktik, Spielverständnis, Handlungsschnelligkeit und – Kommunikation.“

Vielen Dank Johannes, wir haben schon einen sehr guten sportlichen Einblick von dir erhalten. Aber jetzt Budde bei de Fische – wer bist du außerhalb des Fußballfeldes?

„Laut meiner ehemaligen Co Trainer, die ich auch als meine Freunde zähle bin ich detailorientiert, kreativ, loyal, leidenschaftlich, steht’s mit offenem Ohr unterwegs und auch lustig. Dazu passende Anekdote: Wir standen beim WM Halbfinale gegen Brasilien 2014 beim Public Viewing neben einer Gruppe attraktiver Mädchen. Und da haben wir im Freundeskreis gewettet, dass für jedes Tor das Deutschland schießt, ein einwilligendes Mädchen geküsst werden muss. Dann haben wir per Pommes (statt Streichhölzern) die Reihenfolge festgelegt. Fazit: Es ist gut ausgegangen.“

Vielen Dank Johannes, wir wünschen dir und dem Team den besten Start in die Rückrunde und das wir gemeinsam einen langen und erfolgreichen Weg gehen. Alle freuen sich sehr dich begrüßen zu können. Also willkommen an der Linie Chef-Trainer Fritsch!

Kommentare
  1. […] Wer mehr über Johannes erfahren möchte, dem empfehlen wir das große Interview zu seiner Ankunft mit Sophia Skuratowicz.https://sternerfrauen.wordpress.com/2020/05/16/eine-neue-aera-beginnt-johannes-fritsch-wird-cheftrai… […]

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